Charakter und Struktur der Koramusik




Koramusik

ist

modal:

es gibt 4 verschiedene heptatonische Stimmungen (7 Töne in der Oktave), die Musikstücke haben eine gleichbleibende tonale Basis, die gebräuchlichen Modi sind Dur, dorisch, phrygisch, lydisch, mixolydisch, aeolisch, siehe Saiten und Modi

polyphon:

bis zu 4-stimmige Akkorde und Akkordzerlegungen (Arpeggio) werden auf 21 Saiten über mehr als 3 Oktaven gespielt. Bass, Begleitung und Melodielinien werden auf dem Instrument gleichzeitig gespielt, siehe Spieltechnik

polyrhythmisch:

4 Finger (beide Daumen und Zeigefinger) spielen bis zu 4 eigenständige, ineinander verschränkte Melodiemuster, siehe Spieltechnik

komplex:

Koramusik wird ob ihres repetitiven Charakters auch mit Minimal Music verglichen, geht aber über dieses Konzept weit hinaus, da sie außer "minimalistisch" wirkenden, ostinaten Groove-Variationen auch harmonische Kadenzen und virtuose, solistische Improvisationsphasen einschließt. Außerdem bildet sie in Verbindung mit den Vokalstilen und der oralen Tradition die hochentwickelte Kunstform Jaliya.

Koramusik wird sowohl zur Begleitung von Gesang (Donkilo) und Rezitations-Sprechgesang (Sataro) eingesetzt, wie auch solistisch gespielt. Viele Korastücke sind Instrumentalversionen von Liedern.

Manche Texte datieren zurück bis in die Zeit von Soundiata Keita, dem großen Herrschers im alten Mali-Reich (13. Jh.). Viele dieser Stücke wurden nicht für die Kora komponiert, sondern von den älteren Instrumenten Balo (Xylophon) und Kontingo (Laute) auf die Kora übernommen. Ein guter Koraspieler hat sicher weit über 100 Stücke in seinem Repertoire, die er mehr oder weniger gut improvisierend variieren kann.

Musikstile

Einige der traditionellen Stücke sind im gesamten Manding-Kulturkreis verbreitet (z.B. Allah L'a Ke, Lambang), andere sind typisch für einen der drei grossen Kulturkreise oder Stile, die folgend charakterisiert werden können:

Mandinka / Tiliji - im Westen (Gambia, Senegal); mit schnellen Tempi - "hot"; sehr rhythmisch; moderneres Repertoire mit Stücken, die für die Kora komponiert wurden; Bevorzugung des Dur-Modus (I - V Harmonien); standardisierte Improvisations- und Solophrasen
typische Stücke: Kelefaba, N Teri Jato

Kaabu - in der Casamance und Guinea Bissau; "erdige", rollende 12/8 Grooves; beeinflusst von der Balafonmusik der benachbarten Balanta; Verwendung von Koras mit zusätzlichen Basssaiten; ungewöhnliche phrygische und mixolydische Harmonien (III - IV - V); häufige Verwendung von triadischen Akkorden (Terzen, Dreiklänge); spezielles Repertoire
typische Stücke: Yeyengo, Mama Maning

Mali / Tilibo - im Osten und Süden (Ostgambia, Mali und Guinée), mit langsamen Tempi - "laid back", Bevorzugung von lydischen und Mollmodi (I - VI - II - III); virtuose Ornamentierungsphrasen, die von Melodielinien des Ngoni beeinflusst sind; traditionelles, "klassisches" Repertoire, das für die älteren Instrumente Balo (Balafon) und Ngoni (Konting) komponiert wurde
typische Stücke: Soundiata, Douga

Es ist schwierig die Stile voneinander abzugrenzen, da die Übergänge fliessend sind. Die grossen Griot-Familien wie die Kouyate, Diabate, Cissokho sind über den gesamten Manding-Kulturkreis verbreitet und die Musiker reisen viel und beeinflussen sich gegenseitig.

Allen Stilrichtungen gemeinsam sind folgende Strukturelemente der Musik:

Kumbengo (Begleitung, Groove)

Der Kumbengo ist das rhythmisch-harmonisch-melodische Ostinato-Muster, das mit unterschiedlichen Variationen und Akzentuierungen zyklisch wiederholt und beständig auf subtile Weise variiert wird. An ihm erkennt man das Musikstück. Es ist sehr wichtig, dass der Kumbengo rhythmisch absolut stabil bleibt und damit die Empfindung des ständig kreisenden Groove erhalten bleibt

Es gibt ein- und zweiteilige Muster mit einer Länge von meistens 4, 6 oder 8 Beats, die in 2,3,4 oder 6 Einheiten (Pulse) unterteilt werden. Das rhythmische Feeling wechselt oft mitten im Stück zwischen binär (zB. 8/8) und ternär (12/8), d.h. ein Muster kann gerade (mit Unterteilungen in Gruppen von 2) oder triolisch (mit Unterteilungen in Gruppen von 3) gespielt werden. Bei zweiteiligen Mustern ist der zweite Teil fast immer eine Variation des ersten, zu dem er in der Wiederholung zurückführt. Häufig stehen die beiden Teile harmonisch in einer Art Kadenzbeziehung zueinander:
I - II / I - VII, IV - III / I - III, VI - V / VI - I, oder ähnlich.

Daumen und Zeigefinger spielen üblicherweise unterschiedliche Melodien, die polyrhythmisch miteinander verknüpft werden. Eine Fülle von Variationstechniken, rhythmischen Akzentuierungen (Detero), Akkordbegleitungen (Sariro), sowie Solophrasen (Birimintingo) bringen immer wieder neue Spannung in die langen Wiederholungen des Kumbengo, die manchmal eine tranceartige Wirkung erzeugen.

Manche Stücke haben einen, andere haben mehrere Kumbengolu (pl. von Kumbengo), die regional und auch in den einzelnen Jali-Familien unterschiedlich gespielt werden, aber dennoch erkennbar bleiben.


Kelefaba MP3 anhören

Das ist der Kumbengo von Kelefaba, dieses Stück lernen Koraschüler als erstes.

Es ist ein zweiteiliges Muster. Die beiden Teile sind in den ersten 3 Beats identisch. Die Variation besteht darin, dass der erste Teil in Beat 4 mit zusätzlichen Noten Spannung aufbaut und zum zweiten Teil überleitet. Der Übergang ins zweite Muster erfolgt auf zweierlei Art: einerseits harmonisch durch die Noten C-g-b, die den Dominant-Sept-Akkord zum nachfolgenden Tonika-Akkord F-a-c bilden. Andererseits wird die tiefe Oktave des Grundtons F als synkopierter Akzent vor dem Beat 1 des zweiten Teils gespielt und baut damit rhythmische Spannung auf. Diese Stelle bei Beat 4 ist für den Kumbengo eine Art "hot spot". Hier können bei Wiederholungen immer wieder andere Phrasen und veränderte Übergänge gespielt werden.

most Kora students start with "Kelefaba" - this song is considered the alphabeth of the Kora, "Allah l'a ke" and "Lambang" are also essential for the Kora repertoire learning to play these Kora classics will be very helpful for further studies as there are lots of songs with similar Kumbengo (rhythmic/harmonic pattern) in the classic Mali-Manding repertoire as well as in the modern Gambia repertoire

Birimintingo (Solo, Improvisation)

Birimintingo heißen die Variationen und Verzierungen, die kaskadenförmig absteigenden improvisierten Melodiesequenzen, die besonders charakteristisch für die Koramusik sind. Birimintingo-Solopassagen bringen Abwechslung in die Wiederholungen des Kumbengo Grooves, in ihnen präsentiert der Jali seine Virtuosität und Kreativität. Das können ausgebaute Variationen des Kumbengo sein, aber auch eigenständige, vom Kumbengo unabhängige Soli. Schnelle Solopassagen werden mit den Zeigefingern in absteigenden Sequenzen gespielt, während die Daumen mit einer einfachen Bassfigur den Rhythmus halten.

Im Mandinka-Stil von Gambia und Senegal spielt man häufig standardisierte Melodielinien mit den Zeigefingern in absteigenden Sequenzen. Der rechte Daumen hält den Rhythmus mit einem einfachen Wechselbass F - C - F - C, der linke Daumen setzt Akzente mit synkopierten Bassnoten. Diese Art von Birimintingo ist nicht mit einem bestimmten Kumbengo assoziiert, sondern kann in beliebige Stücke eingebaut und zu langen Solopassagen ausgedehnt werden.

Im Mali-Stil ist es eher üblich Ornamentierungen im Kumbengo zu spielen, die der harmonischen Bewegung folgen.

Wichtig ist in jedem Fall, dass die rhythmische Struktur des Kumbengo gewahrt bleibt und daß die Improvisationen "glatt" aus dem Kumbengo heraus- und wieder hineinführen.

Jeder Musiker entwickelt seinen eigenen Stil, indem er sein Repertoire an auswendig gelernten, beliebig miteinander kombinierbaren Mustern vergrößert und integriert.

Hier ein Beispiel für eine Standard Birimintingo Phrase:


Birimintingo MP3 anhören

Arrangements

Die Musikstücke beginnen meist mit einer kurzen, freien Einleitung ohne definierten Rhythmus (Intro), die dazu dient den verwendeten Modus zu etablieren (Grundton, Skala) und die Stimmung zu überprüfen.

Dann wird der Kumbengo der Stückes gespielt. Zuerst in einfacher, klarer Form, die oft viele Male unverändert wiederholt wird. Zunehmend werden Variationen eingeführt, alternative Saiten gespielt, Oktaven und Quinten zu prominenten Tönen hinzugenommen, Akzente zu Synkopen verschoben, Akkorde zu Arpeggio zerlegt. An bestimmten Stellen im Kumbengo ("hot spots") wird bei jeder Wiederholung eine andere Verzierung - Birimintingo - eingebaut oder geringfügig verändert. Fallweise wird eine Verzierung zu einem längeren Solo erweitert - über eine oder mehrere Wiederholungen des Kumbengo hinweg - wobei eine einfache Form der Bassfigur mit den Daumen weitergespielt wird. Die Birimintingo-Phrasen enden meist am Ende eines Kumbengo und gehen nahtlos in den Beat 1 der Wiederholung über.

Wird zur Musik gesungen, so wiederholt die Kora während der oft langen, improvisierten Gesangs- und Rezitationsphrasen (Sataro) eine einfache Form des Kumbengo ohne viele Verzierungen. Während der Gesang pausiert, wird Birimintingo gespielt. Viele Stücke haben einen klaren Gesangrefrain (Donkilo), der von der Kora - oft unisono in Oktaven - mitgespielt wird.

Die Musikstücke enden üblicherweise mit einem Ritardando des Kumbengo, einem Fade out oder mit einer freien Solophrase (Outro).


Software in der Vollversion enthält über 100 Musikstücke mit exakten Notationen von Kumbengo, Variationen und charakteristischen Birimintingo-Phrasen.



Copyright © 1997-2003 Harald Loquenz. All rights reserved

Contact

www.kora-music.com